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Auswirkungen persistierender Frühkindlicher Reflexe |
In den siebziger und achtziger Jahren wurden zahlreiche Förder- und Therapiemaßnahmen entwickelt, die in erster Linie zur Behandlung von Kindern mit gravierenden und zum Teil irreversiblen Hirnschädigungen konzipiert wurden, wie zum Beispiel das Reflexkriechen und das Reflexumdrehen nach VOJTA (1968, 1988), die neurophysiologische Behandlung nach BOBATH (1968, 1986, 1990), und das neuromotorische Funktionstraining nach A. Petö (HARI et al. 1992, WEBER 1998, BEIN-WIERZBINSKI und WEICHERT 2002). Den Grundstein für Förderkonzepte für Kinder, die nur geringfügige Abweichungen in der frühkindlichen Entwicklung aufzeigen, legte u.a. AYRES (1979, 1992). Ihr ist es u.a. zu verdanken, dass Zusammenhänge zwischen zerebralen Prozessen und dem Lernverhalten auch bei Vorschul- und Grundschulkindern mit geringeren Störungen, wie zum Beispiel einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom oder auch mit einer umschriebenen Rechtschreibschwäche in Verbindung gebracht werden (GADDES und EDGELL 1994). Derartige Defizite werden heute hauptsächlich durch spielerisch-therapeutische sowie sensorisch- und motorischorientierte Fördermaßnahmen beeinflussbar (FLEHMIG 2001). Kinder mit umschriebenen Störungen finden unter anderem Förderung durch psychomotorische Angebote, durch Ergotherapie unter Berücksichtigung der sensorischen Integrationstherapie u.a. nach AYRES (1972, 1992) und FISHER et al. (1998) sowie durch Motopädagogik und Mototherapie nach KIPHARD (1980, 1983 a, 1983 b) und KESPER und HOTTINGER (1997). Ziel dieser Förderangebote ist jeweils ein Zusammenspiel der Sinne herzustellen sowie die Grob- und Feinmotorik zu verbessern. Das Therapieren selbst erfolgt durch Stimulation der einzelnen Sinnesbereiche unter anderem mit Hilfe von Schaukeleinrichtungen, Bohnenkisten, Bällebecken, Trampolinen, Luftkissen und Rollbrettern sowie durch grob- und feinmotorische Übungen.
Erfahrungen aus verschiedenen Therapieformen, wie zum Beispiel aus der Vojta- Therapie (VOJTA 1989, VOJTA und PETERS 1997), den INPP-Übungsprogrammen von BLYTHE (1988) und GODDARD (1996), der Sensorischen Integrationstherapie (AYRES 1972, 1992) führten schließlich zu einer ganzheitlichen Fördermethode, bei der der neuromotorische Aspekt noch mehr im Vordergrund steht. Die Fördermethode nach PäPKi basiert auf neurophysiologischen Grundlagen und Erkenntnissen bezüglich einer optimalen frühkindlichen Bewegungsentwicklung, die im neuromotorischen Aufrichtungsprozess zum Ausdruck kommt. Der neuromotorische Aufrichtungsprozess steht daher im Mittelpunkt der Betrachtung beim Diagnostizieren und beim Fördern. Durch langjähriges Erforschen des neuromotorischen Aufrichtungsprozesses und deren mögliche Abweichungen bei eigentlich gesunden Säuglingen konnte BEIN-WIERZBINSKI (2001, 2002, 2004) herausarbeiten, dass Parallelen bestehen zwischen Abweichungen von der optimalen frühkindlichen Bewegungsentwicklung und der später als Verhaltens- und Lernauffälligkeiten bezeichneten Defizite. Die Wirksamkeit sowie die Evidenz der Fördermethode nach PäPKi konnte in einer Langzeitstudie an der Universität Hamburg (BEIN-WIERZBINSKI 2004) überprüft und belegt werden. Mit der Entwicklungs- und Lerntherapie nach PäPKiwird ein neuer Weg zur Förderung von umschriebenen Entwicklungs- und Lernauffälligkeiten beschritten.
Zur Erläuterung der Methode und des Konzeptes der Fördermethode nach PäPKi wird zunächst der neuromotorische Aufrichtungsprozess beschrieben. Anschließend werden die Inhalte des Aufrichtungsprozesses in Verbindung mit der Integration der Sinne und in Verbindung mit frühkindlichen Reaktionen gebracht. Die folgenden Aspekte stellen nur eine kleine Auswahl dar, die aber in der neuromotorischen Entwicklung von besonderer Bedeutung sind. Sie werden kurz in ihrer Wirkung bei normalen und aberrantem Verlauf beschrieben.
Der Aufrichtungsprozess ist ein sehr komplexer Entwicklungsablauf, der in dieser Kurzübersicht nur in geringem Umfang dargestellt werden kann. Ausführlicher beschrieben werden die Inhalte des neuromotorischen Aufrichtungsprozesses u.a. bei BEIN-WIERZBINSKI (2004).
Die Aufrichtung ist eine aktive Bewegungsentwicklung, die aufgrund einer zentral gesteuerten Neugierde automatisch durch Reagieren auf Geräusche, Gerüche und auf sichtbare Stimuli abläuft.
Der neuromotorische Aufrichtungsprozess lässt sich unterteilen in eine Zunahme an Beugung in Rückenlage und in eine Zunahme an Streckung in Bauchlage. Beide Prozesse stellen letztendlich eine Streckung der Wirbelsäule mit ausgeglichenem Muskeltonus bereit, die es dem Kind erlauben, sich aus der liegenden Position bis zum Stehen aufzurichten.
Der neuromotorische Aufrichtungsprozess bewirkt die Stabilisierung der Wirbelsäule, indem die Stützmuskulatur gestärkt und in ihrer Funktion erweitert wird. Einhergehend entsteht ein Synergismus zwischen ventraler und dorsaler Muskulatur, so dass die einzelnen Wirbelkörper frei gegeneinander bewegt werden können. Ebenso werden in diesem Prozess die Wirbelsäulenkrümmungen ausgebildet. Aus der ursprünglich leicht C-förmigen fetalen Wirbelsäule bilden sich die folgenden Krümmungen aus:
Gerade bei Kindergarten- und Schulkindern mit neuromotorischen Aufrichtungsdefiziten kann eine fortbestehende Disregulation des Muskeltonus beobachtet werden. Beim Sitzen am Tisch kommt es beispielsweise zu einer gebeugten, zusammengesackten Rumpfhaltung bei gestreckten oder gebeugten Beinen. Der Kopf wird in Reklination gehalten und auf einen aufgestützten Arm oder auf der Tischplatte platziert. Beim Sitzen auf dem Boden rutschen diese Kinder häufig in den Zwischenfersensitz. Dabei weisen die Hüften des Kindes einen weichen Tonus auf und das Becken ist nach hinten gekippt. Die Wirbelsäule ist instabil und ohne physiologische Krümmungen: In der Lendenregion sind die Wirbelkörper häufig nach hinten herausstehend, die Brustwirbelsäule bildet einen Rundrücken und die Halswirbelsäule befindet sich in Reklination.
Defizite in der Tonusregulation lassen sich auch im orofazialen Bereich beobachten: Beim Essen führt das Zusammenführen von Mund und Gabel nicht selten zu einer gleichzeitigen Streckung der Zunge, so dass die Zunge fast unförmig weit vorne im Mund positioniert wird und die Nahrung nur schlecht aufgenommen werden kann.
Auch in der Blickmotorik können Tonusabweichungen zu Auffälligkeiten führen: Die reklinierte Kopfhaltung führt zu einem Mangel an blickmotorischem Training im Nahbereich. Häufig sind bei diesen Kindern Schwierigkeiten mit der Akkomodation und der Konvergenz zu messen. Der Wechsel zwischen Weit- und Nahsicht kann nicht ohne Schwierigkeiten ablaufen. Häufig kommt es zu einer verkappten Weitsichtigkeit. Diese Kinder können Entfernungen im Nahbereich nur schlecht exakt abschätzen, so dass sie in der Feinmotorik Defizite aufweisen und einen tollpatschigen Eindruck hinterlassen.
Abweichungen vom neuromotorischen Aufrichtungsprozess lassen sich daher auch anhand von sensorischen Integrationsdefiziten erkennen. Besonders häufig lassen sich Defizite in der Propriozeption, im Gleichgewichthalten und in der visuellen Wahrnehmung diagnostizieren.
Für das heranwachsende Kind bedeutet dieses, dass es Schwierigkeiten beim Be-wahren der Balance in einer aufrechten Haltung sowie ein instabiles visuelles Bild bei Bewegungen haben wird. Folglich wird das Kind, wenn es sitzt oder steht, ständig ein gewisses Maß an bewusster Aufmerksamkeit aufbringen müssen, so dass es durch Kompensation seine Stabilität erhalten kann. Diese bewusste Aufmerksamkeit stellt Anforderungen an höhere informationsverarbeitende Gehirnregionen, wodurch weniger Kapazität für die Bewältigung intellektueller Aufgaben bereitsteht.
Wenn kein fester Bezugspunkt in der Schwerkraft vorhanden ist, verlieren die vestibulären und visuellen Systeme ihre gleichbleibende Orientierung. Es kommt nicht nur zu fragmentierten visuellen Eindrücken, sondern auch zu einer eingeschränkten Fähigkeit, Fakten und Geschehnisse in eine Ordnung bzw. logische Reihenfolge zu bringen. Ebenfalls kann das Kind nur ein schwach ausgeprägtes Gefühl für Zeit, Raum und Rhythmus entwickeln. Die dürftigen Ordnungsfähigkeiten können zu Schwierigkeiten im Sprachaufbau, in der Rechtschreibung, im Aufsatzschreiben führen und in der Entwicklung von Vorstellungen und Begriffen.
Die Reifung des ZNS läuft nach einem genetischen Wachstumsplan ab. Sicher
nachweisbar ist die Reifung besonders während der Schwangerschaft und im 1.
Lebensjahr und lässt sich noch bis zum 6. bis 8. Lebensjahr nachweisen.
Neben der zu messenden anatomischen, biochemischen und
elektrophysiologischen Reifung ist auch eine ständige Zunahme an Funktionen
des ZNS zu beobachten. Diese sind schon vorgeburtlich mit Hilfe von
Ultraschall und in besonderem Maße im ersten Lebensjahr anhand des
neuromotorischen Aufrichtungsprozesses zu beobachten.
Deutlich wird dieser Reifeprozess durch die Abnahme spezifischer
frühkindlicher Phänomene bzw. Reaktionen, wie beispielsweise die
Palmar-Reaktion, Moro-Reaktion, Galant-Reaktion, Such- und Saugreaktion
sowie die Babkin-Reaktion, und durch die gleichzeitige Zunahme an Funktionen
und Leistungen, wie beispielsweise gezieltes Greifen, Artikulieren und
gezielte Blickwendungen.
Früher wurde davon ausgegangen, dass sich das entwickelnde Nervensystem als
hierarchisch aufgebautes Reflex- und Reaktionssystem verstehen würde
(Konzept der primitiven Reflexologie, MAGNUS 1924, BLYTHE 1988, McGLOWN
1990, GODDARD 1996, ZINKE-WOLTER 2001). Es wurde angenommen, dass die
Willkürmotorik in dieses System integriert würde und es schließlich
dominieren würde. Aufgrund dieser Annahme wurde zu wenig berücksichtigt,
dass schon Neugeborene willentliche, cortikal gesteuerte Funktionen
aufweisen.
Heute ist bekannt, dass ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen primitiven
Reflexen und Spontanmotorik nicht besteht. Das frühkindliche Nervensystem
ist ein primär aktives System, dessen Reaktionen und Aktionen gleichwertig
nebeneinander stehen (WENZEL 1999). Sowohl die Aktionen als auch die
Reaktionen werden im Laufe des neuromotorischen Aufrichtungsprozesses und
der nachfolgenden Entwicklung altersspezifisch modifiziert. Der Beginn und
das Tempo der Entwicklung bestimmter Funktionen kann sowohl
inter-individuell als auch intra-individuell stark variieren.
Entwicklungsstörungen zeigen sich durch nicht altersspezifisch modifizierte
Reaktionen, die zum Beispiel in Form von Ersatzmotorikmustern (Opisthotonus
bzw. TLR, ATNR, STNR, etc.), in rudimentär fortbestehenden frühkindlichen
Reaktionen (Saug- und Such-Reaktionen, Galant-Reaktion, Moro-Reaktion) oder
sogar infolge von cerebralen Bewegungsstörungen in Form eines
Entwicklungsstillstands deutlich werden.
Bein-Wierzbinski (2000, 2001, 2004) arbeitete in ihren Untersuchungen
heraus, dass bestimmte "Lücken" und Defizite im neuromotorischen
Aufrichtungsprozess zu rudimentär persistierenden frühkindlichen Reaktionen
führen können. Je nachdem in welchem Wirbelsäulenbereich das Kind
Aufrichtungsdefizite aufweist, können Verbindungen zu bestimmten
frühkindlichen Reaktionen gezogen werden. Zur besseren Erläuterung werden
anschließend einige frühkindliche Reaktionen bei normalen und anschließend
bei aberrantem Verlauf beschrieben. Weitere Inhalte und Informationen sind
bei BEIN-WIERZBINSKI (2004) nachzulesen.
Die Such- und Saugreaktionen dienen in den ersten Lebensmonaten der
Nahrungsaufnahme. Sie entwickeln sich schon während der 24.-28.
Schwangerschaftswoche und werden im 3. bis 4. Monat nach der Geburt gehemmt.
Bei der Suchreaktion führt eine leichte Reizung der Wangen oder des
Mundwinkels zu einer leichten Kopfdrehung und zu einem Verziehen des
Mundwinkels zu der Seite, aus der der Stimulus kommt. Gleichzeitig wird die
Zunge leicht herausgestreckt. Durch leichte Reizung der Lippen erfolgt das
Spitzen dieser mit einhergehenden Saug- und Schluckbewegungen (GODDARD
2003).
Eine fortgesetzte Sensibilität und unreife Reaktionen auf Berührungen in der
Mundregion sind bei gleichzeitiger Instabilität der Halswirbelsäule
festzustellen, die sich in überwiegenden Fällen durch eine zu geringe
Kräftigung der ventralen Halsmuskulatur auszeichnet (BEIN-WIERZBINSKI 2004).
In einigen Fällen ließen sich bei Kindergarten- und Schulkindern sogar Saug-
und Suchbewegungen auslösen, die denen bei Säuglingen ähneln.
Bei aberrantem Verlauf können Schwierigkeiten beim Essen von fester Nahrung
bestehen, da eine rudimentär fortbestehende Auslösbarkeit der Saugreaktion
die Weiterentwicklung der Zungenbewegungen, wie sie für das Schlucken
notwendig ist, verhindert. Die Zunge wird zu weit vorn im Mund positioniert.
Hieraus können sich zusätzlich Sprach- und Artikulationsprobleme ergeben. Es
kommt beispielsweise zu einer Fehlbildung des S-Lautes und anderer
Zischlaute (z.B. Sigmatismus interdentalis und lateralis) (BEIN-WIERZBINSKI
2001).
Eine weitere Auswirkung kann starker Speichelfluss sein, da es zu einer
unterentwickelten Kontrolle der Muskeln an der Vorderseite des Mundes kommen
kann (GODDARD 2003).
Auch die manuelle Geschicklichkeit kann beeinträchtigt sein, da unreife
Saug- und Schluckbewegungen automatisch ein unwillkürliches Schließen der
Hände im Rhythmus mit dem Saugen hervorrufen (Babkin-Reaktion).
Die Moro-Reaktion ist eine frühkindliche Schreckreaktion. Sie bildet sich
in der 9. bis 10. Schwangerschaftswoche aus und bleibt normalerweise nur bis
zum zweiten Monat postnatal auslösbar. Durch Herabsenken des Kopfes nach
hinten, durch abrupte Lageveränderungen, durch laute Geräusche oder durch
Lichtblitze kann diese frühkindliche Reaktion ausgelöst werden. Sie
versetzt den Säugling in einen Alarmzustand, bei dem seine Extremitäten
durch schnelle Abduktion nach außen gestreckt werden (BAUMANN 2002). Dabei
wird der Brustkorb mit Luft gefüllt, so dass er kurz darauf einen lauten und
anhaltenden Schrei ausstößt. Zusätzlich werden Stresshormone aus der
Nebennierenrinde ausgeschüttet, die das Kind für einen Moment sehr
aufmerksam werden lassen.
Besonders bei Kindern mit einer zu schwachen Halsmuskulatur und einer
verkürzten Nackenmuskulatur, wie es häufig auch bei Kindern mit einer
Kopfgelenk-induzierten Symmetriestörung (BIEDERMANN 1997) zu diagnostizieren
ist, sind Moro-ähnliche Reaktions- und Verhaltensmuster zu beobachten:
Das Kind kann eine Überempfindlichkeit in mehreren sensorischen Bereichen
entwickeln: Es leidet dann an einer hohen Stressanfälligkeit mit erhöhter
Adrenalinproduktion.
Einen weiteren Effekt hat eine aberrante Moro-Reaktion auf das Sehen: Durch
den Ausstoß von Adrenalin werden die Pupillen erweitert. Die Brennweite wird
so verändert, dass maximale Klarheit nur für die Fernsicht ermöglicht wird.
Um eine klare Nahsicht zu erhalten, muss das Kind mit den langsamen
Einstellungen seiner Pupillenmuskulatur fertig werden, die sich für die
Nahsicht zusammenziehen müsste, um das einfallende Licht zu reduzieren.
Zusätzlich besteht eine hohe Lichtempfindlichkeit.
Die Fechterreaktion ist zwischen der sechsten und achten Lebenswoche bei
einem Säugling in Rückenlage zu beobachten. Die Seitswärtsbewegung des
Kopfes bewirkt die Streckung des dem Gesicht zugewandten Armes mit
Tonuserhöhung bei gleichzeitiger Beugung und Tonusverminderung des anderen
Armes (Fechterreaktion). Die Fechterreaktion ist zu der Zeit anwesend, in
der das Baby lernt, in der Nähe befindliche Gegenstände zu fixieren. Es wird
sicher gestellt, dass sich der richtige Arm zu dem ins Auge gefassten
Gegenstand ausstreckt. Durch die Verbindung von Kopf-, Augen- und
Armbewegung bildet die Fechterreaktion die Grundlage für ein erstes Training
für die Zusammenarbeit von Hand und Augen (Hand-Auge-Koordination).
Wenn beispielsweise durch neuromotorische Aufrichtungsdefizite in Form einer
reklinierten Kopfhaltung die Fechterreaktion nicht trainiert werden kann,
entwickelt das Kind stattdessen eine Ersatzmotorik in Form einer
ATNR-Stellung. Diese beeinträchtigt die weitere Entwicklung des Säuglings
entscheidend, da es dem Kind nun nicht ermöglicht wird, die ersten wichtigen
Grundlagen für eine Hand-Auge-Koordination zu trainieren.
In dieser Phase werden auch die Grundlagen für horizontale
Blickfolgebewegungen gelegt. Bleibt dieses erste Training aus, kann es in
der nachfolgenden Entwicklung, zum Beispiel beim Lesen eines Textes, zu
einer mangelnden Kontrolle über die Augenbewegungen kommen. Sobald die Augen
beim Fixieren einzelner Wörter während des Lesevorgangs die
Körpermittellinie überqueren, springen sie unmittelbar zur Seite weg.
Gerichtete Sakkaden (Blicksprünge) werden zum Teil durch Resakkaden ersetzt.
Die dazwischen befindlichen Buchstaben werden nicht gesehen. Das Kind liest
mit vielen Fehlern und Phantasiewörtern (BEIN-WIERZBINSKI 2001, 2004).
Neben der Förderung von Kindern mit Entwicklungs- und Lernauffälligkeiten
werden in der Pädagogischen Praxis für Kindesentwicklung PäPKi® in Hamburg
Fortbildungen und Lehrgänge angeboten, die das Diagnostizieren von
neuromotorischen Aufrichtungsdefiziten und pathologischen
Ersatzmotorikmustern erläutern und gezielte Fördermaßnahmen einüben.
Besonders für Mediziner, Eltern, Lehrkräfte und Pädagogen kann das Wissen um
mögliche Zusammenhänge zwischen frühkindlichen Bewegungsindizien und Lern-
und Verhaltensauffälligkeiten im Umgang mit betroffenen Kindern hilfreich
sein. Zum Einen dient das Wissen zum besseren Verständnis. Bestimmte
Verhaltensauffälligkeiten und Lernschwächen können zu einem großen Teil
erklärt werden. Zum Anderen dient das Wissen um Zusammenhänge von
körperlichen und kognitiven Aspekten auch bei der gezielten Förderung
betroffener Kinder. Es ist möglich, mit gezielten neuromotorischen Übungen
Auffälligkeiten im Verhalten oder auch spezifische Lerndefizite zu
verringern.