Auswirkungen persistierender Frühkindlicher Reflexe

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Auszug aus der Homepage von Päpki

I. Einleitung

Immer häufiger werden Eltern, Lehrkräfte, Therapeuten und Mediziner mit Bewegungsdefiziten, Lern- und Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder konfrontiert. Neben schulischen Problemen wie Lese- und Rechtschreibschwäche und Dyskalkulie werden auch schon im Vorschulalter Konzentrationsstörungen, Hyperaktivität oder starke Anhänglichkeit genannt, die den Alltag der Kinder und den der Erwachsenen sehr anstrengend werden lassen.

In den siebziger und achtziger Jahren wurden zahlreiche Förder- und Therapiemaßnahmen entwickelt, die in erster Linie zur Behandlung von Kindern mit gravierenden und zum Teil irreversiblen Hirnschädigungen konzipiert wurden, wie zum Beispiel das Reflexkriechen und das Reflexumdrehen nach VOJTA (1968, 1988), die neurophysiologische Behandlung nach BOBATH (1968, 1986, 1990), und das neuromotorische Funktionstraining nach A. Petö (HARI et al. 1992, WEBER 1998, BEIN-WIERZBINSKI und WEICHERT 2002). Den Grundstein für Förderkonzepte für Kinder, die nur geringfügige Abweichungen in der frühkindlichen Entwicklung aufzeigen, legte u.a. AYRES (1979, 1992). Ihr ist es u.a. zu verdanken, dass Zusammenhänge zwischen zerebralen Prozessen und dem Lernverhalten auch bei Vorschul- und Grundschulkindern mit geringeren Störungen, wie zum Beispiel einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom oder auch mit einer umschriebenen Rechtschreibschwäche in Verbindung gebracht werden (GADDES und EDGELL 1994). Derartige Defizite werden heute hauptsächlich durch spielerisch-therapeutische sowie sensorisch- und motorischorientierte Fördermaßnahmen beeinflussbar (FLEHMIG 2001). Kinder mit umschriebenen Störungen finden unter anderem Förderung durch psychomotorische Angebote, durch Ergotherapie unter Berücksichtigung der sensorischen Integrationstherapie u.a. nach AYRES (1972, 1992) und FISHER et al. (1998) sowie durch Motopädagogik und Mototherapie nach KIPHARD (1980, 1983 a, 1983 b) und KESPER und HOTTINGER (1997). Ziel dieser Förderangebote ist jeweils ein Zusammenspiel der Sinne herzustellen sowie die Grob- und Feinmotorik zu verbessern. Das Therapieren selbst erfolgt durch Stimulation der einzelnen Sinnesbereiche unter anderem mit Hilfe von Schaukeleinrichtungen, Bohnenkisten, Bällebecken, Trampolinen, Luftkissen und Rollbrettern sowie durch grob- und feinmotorische Übungen.

Erfahrungen aus verschiedenen Therapieformen, wie zum Beispiel aus der Vojta- Therapie (VOJTA 1989, VOJTA und PETERS 1997), den INPP-Übungsprogrammen von BLYTHE (1988) und GODDARD (1996), der Sensorischen Integrationstherapie (AYRES 1972, 1992) führten schließlich zu einer ganzheitlichen Fördermethode, bei der der neuromotorische Aspekt noch mehr im Vordergrund steht. Die Fördermethode nach PäPKi basiert auf neurophysiologischen Grundlagen und Erkenntnissen bezüglich einer optimalen frühkindlichen Bewegungsentwicklung, die im neuromotorischen Aufrichtungsprozess zum Ausdruck kommt. Der neuromotorische Aufrichtungsprozess steht daher im Mittelpunkt der Betrachtung beim Diagnostizieren und beim Fördern. Durch langjähriges Erforschen des neuromotorischen Aufrichtungsprozesses und deren mögliche Abweichungen bei eigentlich gesunden Säuglingen konnte BEIN-WIERZBINSKI (2001, 2002, 2004) herausarbeiten, dass Parallelen bestehen zwischen Abweichungen von der optimalen frühkindlichen Bewegungsentwicklung und der später als Verhaltens- und Lernauffälligkeiten bezeichneten Defizite. Die Wirksamkeit sowie die Evidenz der Fördermethode nach PäPKi konnte in einer Langzeitstudie an der Universität Hamburg (BEIN-WIERZBINSKI 2004) überprüft und belegt werden. Mit der Entwicklungs- und Lerntherapie nach PäPKiwird ein neuer Weg zur Förderung von umschriebenen Entwicklungs- und Lernauffälligkeiten beschritten.

Zur Erläuterung der Methode und des Konzeptes der Fördermethode nach PäPKi wird zunächst der neuromotorische Aufrichtungsprozess beschrieben. Anschließend werden die Inhalte des Aufrichtungsprozesses in Verbindung mit der Integration der Sinne und in Verbindung mit frühkindlichen Reaktionen gebracht. Die folgenden Aspekte stellen nur eine kleine Auswahl dar, die aber in der neuromotorischen Entwicklung von besonderer Bedeutung sind. Sie werden kurz in ihrer Wirkung bei normalen und aberrantem Verlauf beschrieben.

Der Aufrichtungsprozess ist ein sehr komplexer Entwicklungsablauf, der in dieser Kurzübersicht nur in geringem Umfang dargestellt werden kann. Ausführlicher beschrieben werden die Inhalte des neuromotorischen Aufrichtungsprozesses u.a. bei BEIN-WIERZBINSKI (2004).

II.1 Der neuromotorische Aufrichtungsprozess

In den ersten 12 Lebensmonaten entwickelt das neugeborene Kind Stützmotorik und Körperhaltungen, die es ihm erlauben, sich gegen die Schwerkraft aufzurichten. Diese Bewegungsentwicklung bringt den Körper von einer stabilen Ausgangslage in der Horizontalen über verschiedene Etappen mit Ausbildung von spezifischen Körperhaltungen in die Vertikale. Im 1. Lebensjahr lernt das Kind beispielsweise seinen Kopf gegen die Schwerkraft anzuheben und zu kontrollieren. Es lernt, sich von der Rücken- in die Bauchlage zu drehen sowie von der Bauch- in die Rückenlage. Nach ungefähr 12 Monaten ist das Kind sogar in der Lage, im Langsitz kontrolliert zu sitzen, sich aus der Hocke hinzustellen und die ersten Schritte erst seitwärts und schließlich vorwärts zu gehen.

Die Aufrichtung ist eine aktive Bewegungsentwicklung, die aufgrund einer zentral gesteuerten Neugierde automatisch durch Reagieren auf Geräusche, Gerüche und auf sichtbare Stimuli abläuft.

Der neuromotorische Aufrichtungsprozess lässt sich unterteilen in eine Zunahme an Beugung in Rückenlage und in eine Zunahme an Streckung in Bauchlage. Beide Prozesse stellen letztendlich eine Streckung der Wirbelsäule mit ausgeglichenem Muskeltonus bereit, die es dem Kind erlauben, sich aus der liegenden Position bis zum Stehen aufzurichten.

Der neuromotorische Aufrichtungsprozess bewirkt die Stabilisierung der Wirbelsäule, indem die Stützmuskulatur gestärkt und in ihrer Funktion erweitert wird. Einhergehend entsteht ein Synergismus zwischen ventraler und dorsaler Muskulatur, so dass die einzelnen Wirbelkörper frei gegeneinander bewegt werden können. Ebenso werden in diesem Prozess die Wirbelsäulenkrümmungen ausgebildet. Aus der ursprünglich leicht C-förmigen fetalen Wirbelsäule bilden sich die folgenden Krümmungen aus:

Erst durch die Ausbildung von physiologischen Wirbelsäulenkrümmungen ist die vollständige Aufrichtung des gesamten Körpers vollendet. Skoliosierungen, Vorstufen einer Skoliose, geben daher Hinweise auf Abweichungen vom neuromotorischen Aufrichtungsprozess.

II.2 Mögliche Folgen durch geringe Abweichungen vom neuromotorischen Aufrichtungsprozess

Gerade bei eigentlich gesunden Säuglingen mit nur geringen Abweichungen vom optimalen Verlauf des neuromotorischen Aufrichtungsprozesses, wird teilweise unterschätzt, dass auch schon diese geringen Abweichungen in der nachfolgenden Entwicklung zu Problemen führen können, die dann meist erst im Kindergarten- oder im Schulalter deutlich werden. Gelingt es einem vier Monate alten Säugling beispielsweise nicht, aus der Bauchlage heraus in den Ellbogen-Becken-Stütz und mit fünf bis sechs Monaten in den Handteller-Stütz zu kommen, kann daraus in der nachfolgenden Entwicklung eine unvollständige Hüftstreckung resultieren. Ebenso auffällig ist zum Beispiel ein sieben Monate altes Kind, welches nicht in der Lage ist, seine Füße im Auge-Hand-Mund-Zusammenspiel mit den Lippen zu begreifen. Die daraus hervorgehende zu geringe Dehnung der Lendenregion wirkt sich unmittelbar auf die Stabilisierung und Lordosierung der Lendenwirbelsäule aus. Bleibt die Kräftigung der Muskulatur der Lendenwirbelsäule aus, kann das Kind die später zum Beispiel im Langsitz auftretende Belastung auf den caudal gelegenen Bereich der Wirbelsäule und des Beckens nicht adäquat standhalten. In der Folge kann es zu einer zu starken Lordosierung mit Hohlkreuzbildung oder sogar zu einer Kyphosierung der Lendenwirbelsäule sowie zu einem nicht aufgerichteten Becken kommen. Im Säuglingsalter werden derartige kleine Schwächen und Abweichungen vom Aufrichtungsprozess häufig mit "Faulheit des Kindes" oder mit einem etwas zu geringen Muskeltonus begründet, welcher jedoch als nicht beunruhigend beurteilt wird. Die weit verbreitete Meinung, dass geringe Abweichungen vom normalen Entwicklungsweg ganz normal seien und die weitere Entwicklung nicht beeinträchtigen würde, sollte sorgfältig überdacht werden. Alarmierende Zahlen gehen aus den Untersuchungsergebnissen von HOLZER (1998, S.66) hervor. In seiner Studie zum Haltungszustand von sechshundert sechs- bis achtjährigen Kindern kommt er zu dem Ergebnis, dass 30% bis 40% der Kinder segmental überbeweglich sind und sogar 70% der Kinder leichte und 10% mittelschwere Skoliosierungen der Wirbelsäule aufweisen.

Gerade bei Kindergarten- und Schulkindern mit neuromotorischen Aufrichtungsdefiziten kann eine fortbestehende Disregulation des Muskeltonus beobachtet werden. Beim Sitzen am Tisch kommt es beispielsweise zu einer gebeugten, zusammengesackten Rumpfhaltung bei gestreckten oder gebeugten Beinen. Der Kopf wird in Reklination gehalten und auf einen aufgestützten Arm oder auf der Tischplatte platziert. Beim Sitzen auf dem Boden rutschen diese Kinder häufig in den Zwischenfersensitz. Dabei weisen die Hüften des Kindes einen weichen Tonus auf und das Becken ist nach hinten gekippt. Die Wirbelsäule ist instabil und ohne physiologische Krümmungen: In der Lendenregion sind die Wirbelkörper häufig nach hinten herausstehend, die Brustwirbelsäule bildet einen Rundrücken und die Halswirbelsäule befindet sich in Reklination.

Defizite in der Tonusregulation lassen sich auch im orofazialen Bereich beobachten: Beim Essen führt das Zusammenführen von Mund und Gabel nicht selten zu einer gleichzeitigen Streckung der Zunge, so dass die Zunge fast unförmig weit vorne im Mund positioniert wird und die Nahrung nur schlecht aufgenommen werden kann.

Auch in der Blickmotorik können Tonusabweichungen zu Auffälligkeiten führen: Die reklinierte Kopfhaltung führt zu einem Mangel an blickmotorischem Training im Nahbereich. Häufig sind bei diesen Kindern Schwierigkeiten mit der Akkomodation und der Konvergenz zu messen. Der Wechsel zwischen Weit- und Nahsicht kann nicht ohne Schwierigkeiten ablaufen. Häufig kommt es zu einer verkappten Weitsichtigkeit. Diese Kinder können Entfernungen im Nahbereich nur schlecht exakt abschätzen, so dass sie in der Feinmotorik Defizite aufweisen und einen tollpatschigen Eindruck hinterlassen.

II.3 Der neuromotorische Aufrichtungsprozess als Voraussetzung für die Integration der Sinne

Neben den motorischen Funktionserweiterungen reifen auch sensorische Funktionen heran. Während des neuromotorischen Aufrichtungsprozesses strömt eine immense Anzahl an verschiedenen afferenten Reizen aus unterschiedlichen Körperregionen auf das Zentrale Nervensystem (ZNS) ein. Die gleichzeitig einströmenden Afferenzen werden dort abgeglichen und zu Reaktionen verarbeitet. Mit jeder stabilen Haltung und kontrollierten Bewegung werden neue propriozeptive, vestibuläre und visuelle Erfahrungen gemacht und mit erneutem Erreichen der Stabilität auch gelernt. Dieser aufeinander aufbauende Prozess stellt die Grundlage für die Integration der Sinne dar (BEIN-WIERZBINSKI 2004). Der neuromotorische Aufrichtungsprozess ist daher das Fundament für ein gut aufeinander abgestimmtes System der Sinneswahrnehmung, das unter anderem die Motorik und die Kognition betrifft. Die neuromotorische Aufrichtung kann somit als Entwicklungsneurologie der Motorik und der Kognition verstanden werden. Motorik und Kognition beziehungsweise Neurologie sind untrennbar miteinander verbunden.

Abweichungen vom neuromotorischen Aufrichtungsprozess lassen sich daher auch anhand von sensorischen Integrationsdefiziten erkennen. Besonders häufig lassen sich Defizite in der Propriozeption, im Gleichgewichthalten und in der visuellen Wahrnehmung diagnostizieren.

Für das heranwachsende Kind bedeutet dieses, dass es Schwierigkeiten beim Be-wahren der Balance in einer aufrechten Haltung sowie ein instabiles visuelles Bild bei Bewegungen haben wird. Folglich wird das Kind, wenn es sitzt oder steht, ständig ein gewisses Maß an bewusster Aufmerksamkeit aufbringen müssen, so dass es durch Kompensation seine Stabilität erhalten kann. Diese bewusste Aufmerksamkeit stellt Anforderungen an höhere informationsverarbeitende Gehirnregionen, wodurch weniger Kapazität für die Bewältigung intellektueller Aufgaben bereitsteht.

Wenn kein fester Bezugspunkt in der Schwerkraft vorhanden ist, verlieren die vestibulären und visuellen Systeme ihre gleichbleibende Orientierung. Es kommt nicht nur zu fragmentierten visuellen Eindrücken, sondern auch zu einer eingeschränkten Fähigkeit, Fakten und Geschehnisse in eine Ordnung bzw. logische Reihenfolge zu bringen. Ebenfalls kann das Kind nur ein schwach ausgeprägtes Gefühl für Zeit, Raum und Rhythmus entwickeln. Die dürftigen Ordnungsfähigkeiten können zu Schwierigkeiten im Sprachaufbau, in der Rechtschreibung, im Aufsatzschreiben führen und in der Entwicklung von Vorstellungen und Begriffen.

II.4 Der neuromotorische Aufrichtungsprozess in Verbindung mit neuronalen Reifungsprozessen und frühkindlichen Reaktionen

II.4.1 Such- und Saugreaktionen
II.4.2 Moro-Reaktion
II.4.3 Fechterreaktion

Die Reifung des ZNS läuft nach einem genetischen Wachstumsplan ab. Sicher nachweisbar ist die Reifung besonders während der Schwangerschaft und im 1. Lebensjahr und lässt sich noch bis zum 6. bis 8. Lebensjahr nachweisen. Neben der zu messenden anatomischen, biochemischen und elektrophysiologischen Reifung ist auch eine ständige Zunahme an Funktionen des ZNS zu beobachten. Diese sind schon vorgeburtlich mit Hilfe von Ultraschall und in besonderem Maße im ersten Lebensjahr anhand des neuromotorischen Aufrichtungsprozesses zu beobachten.
Deutlich wird dieser Reifeprozess durch die Abnahme spezifischer frühkindlicher Phänomene bzw. Reaktionen, wie beispielsweise die Palmar-Reaktion, Moro-Reaktion, Galant-Reaktion, Such- und Saugreaktion sowie die Babkin-Reaktion, und durch die gleichzeitige Zunahme an Funktionen und Leistungen, wie beispielsweise gezieltes Greifen, Artikulieren und gezielte Blickwendungen.

Früher wurde davon ausgegangen, dass sich das entwickelnde Nervensystem als hierarchisch aufgebautes Reflex- und Reaktionssystem verstehen würde (Konzept der primitiven Reflexologie, MAGNUS 1924, BLYTHE 1988, McGLOWN 1990, GODDARD 1996, ZINKE-WOLTER 2001). Es wurde angenommen, dass die Willkürmotorik in dieses System integriert würde und es schließlich dominieren würde. Aufgrund dieser Annahme wurde zu wenig berücksichtigt, dass schon Neugeborene willentliche, cortikal gesteuerte Funktionen aufweisen.
Heute ist bekannt, dass ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen primitiven Reflexen und Spontanmotorik nicht besteht. Das frühkindliche Nervensystem ist ein primär aktives System, dessen Reaktionen und Aktionen gleichwertig nebeneinander stehen (WENZEL 1999). Sowohl die Aktionen als auch die Reaktionen werden im Laufe des neuromotorischen Aufrichtungsprozesses und der nachfolgenden Entwicklung altersspezifisch modifiziert. Der Beginn und das Tempo der Entwicklung bestimmter Funktionen kann sowohl inter-individuell als auch intra-individuell stark variieren.
Entwicklungsstörungen zeigen sich durch nicht altersspezifisch modifizierte Reaktionen, die zum Beispiel in Form von Ersatzmotorikmustern (Opisthotonus bzw. TLR, ATNR, STNR, etc.), in rudimentär fortbestehenden frühkindlichen Reaktionen (Saug- und Such-Reaktionen, Galant-Reaktion, Moro-Reaktion) oder sogar infolge von cerebralen Bewegungsstörungen in Form eines Entwicklungsstillstands deutlich werden.
Bein-Wierzbinski (2000, 2001, 2004) arbeitete in ihren Untersuchungen heraus, dass bestimmte "Lücken" und Defizite im neuromotorischen Aufrichtungsprozess zu rudimentär persistierenden frühkindlichen Reaktionen führen können. Je nachdem in welchem Wirbelsäulenbereich das Kind Aufrichtungsdefizite aufweist, können Verbindungen zu bestimmten frühkindlichen Reaktionen gezogen werden. Zur besseren Erläuterung werden anschließend einige frühkindliche Reaktionen bei normalen und anschließend bei aberrantem Verlauf beschrieben. Weitere Inhalte und Informationen sind bei BEIN-WIERZBINSKI (2004) nachzulesen.
 

II.4.1 Such- und Saugreaktionen

Die Such- und Saugreaktionen dienen in den ersten Lebensmonaten der Nahrungsaufnahme. Sie entwickeln sich schon während der 24.-28. Schwangerschaftswoche und werden im 3. bis 4. Monat nach der Geburt gehemmt. Bei der Suchreaktion führt eine leichte Reizung der Wangen oder des Mundwinkels zu einer leichten Kopfdrehung und zu einem Verziehen des Mundwinkels zu der Seite, aus der der Stimulus kommt. Gleichzeitig wird die Zunge leicht herausgestreckt. Durch leichte Reizung der Lippen erfolgt das Spitzen dieser mit einhergehenden Saug- und Schluckbewegungen (GODDARD 2003).
Eine fortgesetzte Sensibilität und unreife Reaktionen auf Berührungen in der Mundregion sind bei gleichzeitiger Instabilität der Halswirbelsäule festzustellen, die sich in überwiegenden Fällen durch eine zu geringe Kräftigung der ventralen Halsmuskulatur auszeichnet (BEIN-WIERZBINSKI 2004). In einigen Fällen ließen sich bei Kindergarten- und Schulkindern sogar Saug- und Suchbewegungen auslösen, die denen bei Säuglingen ähneln.

Bei aberrantem Verlauf können Schwierigkeiten beim Essen von fester Nahrung bestehen, da eine rudimentär fortbestehende Auslösbarkeit der Saugreaktion die Weiterentwicklung der Zungenbewegungen, wie sie für das Schlucken notwendig ist, verhindert. Die Zunge wird zu weit vorn im Mund positioniert. Hieraus können sich zusätzlich Sprach- und Artikulationsprobleme ergeben. Es kommt beispielsweise zu einer Fehlbildung des S-Lautes und anderer Zischlaute (z.B. Sigmatismus interdentalis und lateralis) (BEIN-WIERZBINSKI 2001).
Eine weitere Auswirkung kann starker Speichelfluss sein, da es zu einer unterentwickelten Kontrolle der Muskeln an der Vorderseite des Mundes kommen kann (GODDARD 2003).
Auch die manuelle Geschicklichkeit kann beeinträchtigt sein, da unreife Saug- und Schluckbewegungen automatisch ein unwillkürliches Schließen der Hände im Rhythmus mit dem Saugen hervorrufen (Babkin-Reaktion).
 

II.4.2 Moro-Reaktion

Die Moro-Reaktion ist eine frühkindliche Schreckreaktion. Sie bildet sich in der 9. bis 10. Schwangerschaftswoche aus und bleibt normalerweise nur bis zum zweiten Monat postnatal auslösbar. Durch Herabsenken des Kopfes nach hinten, durch abrupte Lageveränderungen, durch laute Geräusche oder durch Lichtblitze kann diese frühkindliche Reaktion ausgelöst werden. Sie versetzt den Säugling in einen Alarmzustand, bei dem seine Extremitäten durch schnelle Abduktion nach außen gestreckt werden (BAUMANN 2002). Dabei wird der Brustkorb mit Luft gefüllt, so dass er kurz darauf einen lauten und anhaltenden Schrei ausstößt. Zusätzlich werden Stresshormone aus der Nebennierenrinde ausgeschüttet, die das Kind für einen Moment sehr aufmerksam werden lassen.
Besonders bei Kindern mit einer zu schwachen Halsmuskulatur und einer verkürzten Nackenmuskulatur, wie es häufig auch bei Kindern mit einer Kopfgelenk-induzierten Symmetriestörung (BIEDERMANN 1997) zu diagnostizieren ist, sind Moro-ähnliche Reaktions- und Verhaltensmuster zu beobachten:
Das Kind kann eine Überempfindlichkeit in mehreren sensorischen Bereichen entwickeln: Es leidet dann an einer hohen Stressanfälligkeit mit erhöhter Adrenalinproduktion.
Einen weiteren Effekt hat eine aberrante Moro-Reaktion auf das Sehen: Durch den Ausstoß von Adrenalin werden die Pupillen erweitert. Die Brennweite wird so verändert, dass maximale Klarheit nur für die Fernsicht ermöglicht wird. Um eine klare Nahsicht zu erhalten, muss das Kind mit den langsamen Einstellungen seiner Pupillenmuskulatur fertig werden, die sich für die Nahsicht zusammenziehen müsste, um das einfallende Licht zu reduzieren. Zusätzlich besteht eine hohe Lichtempfindlichkeit.
 

II.4.3 Fechterreaktion

Die Fechterreaktion ist zwischen der sechsten und achten Lebenswoche bei einem Säugling in Rückenlage zu beobachten. Die Seitswärtsbewegung des Kopfes bewirkt die Streckung des dem Gesicht zugewandten Armes mit Tonuserhöhung bei gleichzeitiger Beugung und Tonusverminderung des anderen Armes (Fechterreaktion). Die Fechterreaktion ist zu der Zeit anwesend, in der das Baby lernt, in der Nähe befindliche Gegenstände zu fixieren. Es wird sicher gestellt, dass sich der richtige Arm zu dem ins Auge gefassten Gegenstand ausstreckt. Durch die Verbindung von Kopf-, Augen- und Armbewegung bildet die Fechterreaktion die Grundlage für ein erstes Training für die Zusammenarbeit von Hand und Augen (Hand-Auge-Koordination).

Wenn beispielsweise durch neuromotorische Aufrichtungsdefizite in Form einer reklinierten Kopfhaltung die Fechterreaktion nicht trainiert werden kann, entwickelt das Kind stattdessen eine Ersatzmotorik in Form einer ATNR-Stellung. Diese beeinträchtigt die weitere Entwicklung des Säuglings entscheidend, da es dem Kind nun nicht ermöglicht wird, die ersten wichtigen Grundlagen für eine Hand-Auge-Koordination zu trainieren.
In dieser Phase werden auch die Grundlagen für horizontale Blickfolgebewegungen gelegt. Bleibt dieses erste Training aus, kann es in der nachfolgenden Entwicklung, zum Beispiel beim Lesen eines Textes, zu einer mangelnden Kontrolle über die Augenbewegungen kommen. Sobald die Augen beim Fixieren einzelner Wörter während des Lesevorgangs die Körpermittellinie überqueren, springen sie unmittelbar zur Seite weg. Gerichtete Sakkaden (Blicksprünge) werden zum Teil durch Resakkaden ersetzt. Die dazwischen befindlichen Buchstaben werden nicht gesehen. Das Kind liest mit vielen Fehlern und Phantasiewörtern (BEIN-WIERZBINSKI 2001, 2004).

III. Inhalte der Entwicklungs- und Lerntherapie nach PäPKi®

Die Entwicklungs- und Lerntherapie nach PäPKi® hat ihren Schwerpunkt im Diagnostizieren von Aufrichtungsdefiziten und rudimentär fortbestehenden frühkindlichen Reaktionen sowie in der gezielten Förderung von Bewegungsdefiziten im Säuglings-, Kindergarten- und Schulalter.
Gleichgewichtsschwierigkeiten, Muskeltonusdisregulationen, grob- und feinmotorische Koordinationsstörungen, rudimentär fortbestehende frühkindliche Reaktionen, sensorische Integrationsdefizite bis hin zu einem mangelnden, akademischen Lernvermögen können ihren Ursprung im aberranten Verlauf des neuromotorischen Aufrichtungsprozesses haben. Zur Förderung von Kindern mit umschriebenen Entwicklungs- und Lernauffälligkeiten ist es daher notwendig, beurteilen zu können, ob die Entwicklung eines Kindes altersentsprechend verläuft, oder es zu Verzögerungen und Abweichungen gekommen ist. Wir benötigen detailliertes Wissen in den folgenden Bereichen: In Form einer umfangreichen Anamnese wird zuerst die individuelle Entwicklungsgeschichte des Kindes bezüglich der frühkindlichen motorischen Entwicklung und der im Kindergarten- und im Schulalter vorhandenen Lern- und Verhaltensauffälligkeiten zusammengetragen. Je nach Bedarf werden daran anschließend die Koordination, das Gleichgewicht, der neuromotorische Aufrichtungsstatus, die Integration der Sinne, die eventuelle Persistenz frühkindlicher Reaktionen, die Blickmotorik und die zeichnerischen Fertigkeiten des Kindes überprüft.
Die Ergebnisse der Untersuchungen werden in einem Gespräch mit den Eltern und dem Kind mitgeteilt und je nach Befund in Verbindung mit den Schwierigkeiten und den Problembereichen des Kindes gesetzt. Anschließend werden die Eltern und das Kind in das individuell auf das Kind zugeschnittene motorische Übungsprogramm eingewiesen. Die Bodenübungen dienen dem nachträglichen Trainieren des neuro-motorischen Aufrichtungsprozesses. Sie sind im häuslichen Rahmen täglich unter elterlicher Aufsicht durchzuführen. Die Konzeption der Übungsfolgen ist bei BEIN-WIERZBINSKI (2004) nachzulesen. Neben Verbesserungen in der Motorik können auch Verhaltens- und Lernauffälligkeiten verringert und zum Teil behoben werden.

Neben der Förderung von Kindern mit Entwicklungs- und Lernauffälligkeiten werden in der Pädagogischen Praxis für Kindesentwicklung PäPKi® in Hamburg Fortbildungen und Lehrgänge angeboten, die das Diagnostizieren von neuromotorischen Aufrichtungsdefiziten und pathologischen Ersatzmotorikmustern erläutern und gezielte Fördermaßnahmen einüben.
Besonders für Mediziner, Eltern, Lehrkräfte und Pädagogen kann das Wissen um mögliche Zusammenhänge zwischen frühkindlichen Bewegungsindizien und Lern- und Verhaltensauffälligkeiten im Umgang mit betroffenen Kindern hilfreich sein. Zum Einen dient das Wissen zum besseren Verständnis. Bestimmte Verhaltensauffälligkeiten und Lernschwächen können zu einem großen Teil erklärt werden. Zum Anderen dient das Wissen um Zusammenhänge von körperlichen und kognitiven Aspekten auch bei der gezielten Förderung betroffener Kinder. Es ist möglich, mit gezielten neuromotorischen Übungen Auffälligkeiten im Verhalten oder auch spezifische Lerndefizite zu verringern.

IV. Literatur

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AYRES, A. J. (1992): Bausteine der kindlichen Entwicklung - Die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes. Berlin et al.: Springer, 1992.
BAUMANN, T. (2002): Atlas der Entwicklungsdiagnostik. Vorsorgeuntersuchungen U1 bis U10/ J1. - Stuttgart, New York: Thieme, 2002.

BEIGEL, D. (2003): Flügel und Wurzeln - Persistierende Restreaktionen früh-kindlicher Reflexe und ihre Auswirkungen auf Lernen und Verhalten. - Dortmund: verlag modernes lernen, 2003.

BEIN, W. (1997): Spätfolgen von Ovulationshemmern auf eine folgende Schwangerschaft. Hamburg: ad fontes Verlag, 1997.

BEIN-WIERZBINSKI, W. (2000): Sprachentwicklungsverzögerung durch persistierende frühkindliche Reflexe. Logos Interdisziplinär 8, 2/ 2000: 111-116

BEIN-WIERZBINSKI, W. (2001): Persistent primitive reflexes in elementary school children. Effects on oculomotor function and visual perception. Presented at the 13th European Conference of Neuro-Developmental Delay in children with Specific Learning Difficulties. Chester (GB) 10th & 11th March 2001.

BEIN-WIERZBINSKI, W. (2004): Räumlich-konstruktive Störungen bei Grundschulkindern. Eine Untersuchung über die Bedeutung des neuromotorischen Aufrichtungsprozesses für die Blickmotorik und räumlich-konstruktives Darstellen sowie die Möglichkeiten der Entwicklungsförderung durch motorisches Training. Europäische Hochschulschriften, Reihe 11, Pädagogik, Bd. 910. - Frankfurt am Main et al.: Lang, 2004.

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BLYTHE, P. (1988): A new approach that explains specific learning difficulties and provides an effective treatment. The specific learning difficilty clinic,- Chester: INPP, 1988.

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GODDARD BLYTHE, S. (1996): Developmental Exercise Programme. For the use in physical education classes for children with specific needs. Chester: INPP, 1996.
(nicht im Handel erhältlich, sondern nur in Verbindung mit Kursen bei INPP Chester zu erwerben)

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KIPHARD, E. J. (1980, 1997): Motopädagogik - Psychomotorische Entwicklungsförderung, Band 1, 7. Aufl. - Dortmund: vlm, Borgmann, 1997.

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VOJTA, Václav (1989): Die posturale Ontogenese als Basis der Entwicklungsdiagnostik. In: Der Kinderarzt 20/ 1989: 669-764

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ZINKE-WOLTER, P. (2001): Spüren - Bewegen - Lernen. Handbuch der mehrdimensionalen Förderung bei kindlichen Entwicklungsstörungen. - Dortmund: borgmann publishing, 2001.
 

Weiterführende Literatur und Infos